studiVZ: Tödliche Netzwerkeffekte

Natürlich haben es fast alle immer besser gewusst. Keine neue Meldung über den Niedergang von studiVZ und Co. ohne weise Ratschläge, was nicht alles hätte besser gemacht werden müssen. Die Aufteilung auf drei unterschiedliche Plattform, zu wenige Neuerungen, häufiger Personalwechsel an der Spitze. Das und vieles mehr wurde genannt. Jetzt braucht es keine Ratschläge mehr. Die VZ-Netzwerke sind tot.

Aber vielleicht gibt es ja ein paar Lehren zu ziehen. Damit anderen Unternehmen nicht das Gleiche passiert. Also, ein erstes und letztes Mal auf diesem Blog: Was ist bei studiVZ falsch gelaufen?

Meine Meinung: Holtzbrinck hat im Wesentlichen nur einen einzigen Fehler begangen, nämlich studiVZ zu kaufen. Vielleicht hat bei der Entscheidungsfindung in Stuttgart schlicht ein Volkswirt gefehlt, der hätte erklären können, wie sich eine Branche entwickelt, in der es so genannte Netzwerkeffekte gibt. Wenn also der Nutzen eines Angebots (Produkt oder Dienstleistung) mit jedem zusätzlichem Anwender steigt. Dass dann eine solche Branche zum Monopol neigt, dass also am Ende nur ein einziges großes, den Markt dominierendes, Unternehmen übrig bleibt.

Ein solches dominierendes Unternehmen muss nicht für die Ewigkeit Marktführer bleiben. Niedrige Eintrittsbarrieren können dafür sorgen, dass bei groben Fehlern andere das Ruder übernehmen (siehe auch Pixelökonom-Post “Hat Facebook Zukunft?“). Aber zunächst einmal setzt sich in einer solchen Branche ein einziges Unternehmen durch. Die anderen gehen unter.

Wie gesagt, nichts ist leichter, als es im Nachhinein besser gewusst zu haben. Und ich bin mir nicht sicher, ob 2007, beim Kauf von studiVZ für angeblich 85 Millionen Euro, schon die Vorteile und damit zukünftige Dominanz von Facebook absehbar war. Aber klar war eben schon damals: Am Ende wird es in dieser Branche nur einen geben. Das Investment in studiVZ war deshalb hochriskant. Mindestens das hätte man damals schon wissen müssen. Weil man Facebook schlagen muss, um zu überleben.

Man hat das auch versucht. Man hat studiVZ internationalisiert, man hat die bessere Datenschutzpolitik betrieben, man hat auf deutschsprachige Interessen Rücksicht genommen. Es hat nichts geholfen, es konnte nicht helfen, gegen die finanzielle Übermacht von Facebook. Einzig massive Investitionen in den Ausbau des Netzwerkes hätten helfen können. Vielleicht.

Deswegen ist den Betreibern von studiVZ auch wenig vorzuwerfen. Höchstens noch dies, dass es der Unternehmensführung nicht gelungen ist, ein neues Geschäftsmodell zu finden. Einen Bilderdienst zu entwerfen wie Instagram, ein Businessseite wie LinkedIn oder ein Blog-CMS wie Tumblr. In all den Jahren ist aus dem VZ-Netzwerk keine solche erfolgreiche Geschäftsidee hervorgegangen. Man kann das kritisieren. Aber die Kritik muss zurückhaltend ausfallen, wenn man weiß, wie viele Entwickler weltweit an solchen Ideen basteln und wie wenigen am Ende der Durchbruch beschieden ist.

Anmerkung: Der Pixelökonom war selbst bei studiVZ für 6 Monate angestellt und zwar 2009 für ein Projekt vor der Wahl zum Deutschen Bundestag. StudiVZ wollte sich als politische Diskussionsplattform im Internet präsentieren, vor allem aber verhindern, dass der deutsche Online-Wahlkampf vorwiegend beim amerikanischen Konkurrenten Facebook stattfindet. Schon damals wurde intern heftig über den richtigen Ressourcen-Einsatz der Entwickler-Abteilung von studiVZ gerungen. Da die Bereitstellung von Online-Tools für den Integration des Online-Wahlkampfes auf der eigenen Plattform viele Ressourcen bei den Entwicklern band, standen einige Mitarbeiter dem Politik-Projekt skeptisch gegenüber. Sie hätten lieber in langfristige technische Neuerungen investiert. 

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  One thought on “studiVZ: Tödliche Netzwerkeffekte

  1. 2012-06-12 at 10:41 am

    Halte den Monopolgedanen der hier gesetzt wird und auf dem der Beitrag fußt für schwierig.

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  2. Tim
    2012-06-13 at 2:23 pm

    Aber klar war eben schon damals: Am Ende wird es in dieser Branche nur einen geben.

    Nein, das war damals nicht klar und das ist heute noch viel weniger klar, weil es “in dieser Branche” eben nicht nur einen gibt, sondern eine ganze Reihe von Netzwerken mit unterschiedlichsten Ausrichtungen. Es sei denn, man definiert die Branche als die Summe der Unternehmen, die wie Facebook aufgestellt sind, was aber natürlich wenig sinnvoll ist.

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