Zalando – das langweiligste und lehrreichste Startup Deutschlands

Der Schriftsteller Neil Gaiman hat neulich die Abschlussrede an der University of the Arts in Philadelphia gehalten. Auf dieser so genannten commencement speech (eine US-amerikanische Tradition, die es leider noch nicht bis nach Deutschland geschafft hat) gab der 1960 in England geborene und heute in Minneapolis in den USA lebende Gaiman den vor ihrem Berufslebenden stehenden Studenten einen Ratschlag, der so hilfreich wie unamerikanisch ist. Dass man nämlich, um erfolgreich zu sein, gar nicht immer der Beste sein muss, ja nicht einmal sein Bestes geben muss.

Gib immer alles, sei besonders, verwirkliche deinen Traum – an solchen Superlativen kann man leicht scheitern, sind schon viele gescheitert, oder haben den Start erst gar nicht gewagt, gar nicht angefangen. Wer in der Schule, an der Uni, Durchschnitt ist, der kann sich kaum vorstellen, im Berufsleben, vielleicht als Selbständiger, Erfolg zu haben, wenn die Vorstellung vorherrscht, dass nur die Besten sich durchsetzen.

Auf Perfektion sagte Gaiman jedenfalls den verblüfften Studenten, darauf käme es nicht an. Es reiche, wenn man von drei Eigenschaften (Pünktlichkeit, Freundlichkeit, gute Arbeit) zwei beherzige: „Die Menschen werden eure unfreundliche Art tolerieren, wenn ihr gute Arbeit pünktlich abliefert; die Menschen werden Verspätungen verzeihen, wenn die Arbeit gut ist und ihr gemocht werdet; und ihr müsst nicht die Besten sein, wenn ihr pünktlich liefert und man euch mag.“

“But people keep working, in a freelance world — and more and more of today’s world is freelance — because the work is good and because they’re easy to get along with and because they deliver the work on time. And you don’t even need all three. Two out of three is fine. People will tolerate how unpleasant you are if your work is good and you deliver it on time. People will forgive the lateness of your work if it’s good and they like you. And you don’t have to be as good as everyone else if you’re on time and it’s always a pleasure to hear from you.”

Die Medien verstärken den Eindruck, dass nur der Außergewöhnliche Erfolg hat, der Sonderling, der geniale Tüftler. Menschen wie Bill Gates und Steve Jobs werden zu übermenschlichen Lichtgestalten hochgeschrieben. Keine Unternehmensgeschichte, die nicht das Einzigartige am Unternehmen herauszustellen versucht, das Erfolgsgeheimnis lüften will. Von Geheimnis findet sich dann aber häufig keine Spur. Harte Arbeit, Ausdauer, Zufall – so erklären Unternehmer regelmäßig ihren Erfolg.

Dass es keine geniale Geschäftsidee braucht, um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, zeigt in Deutschland niemand besser als Zalando.

Zalando hatte 2008 damit begonnen, Schuhe über das Internet zu verkaufen. Kann man sich eine langweiligere Geschäftsidee vorstellen? Wo es Schuhläden in jeder Stadt, an jeder Ecke gibt. Wo das Geschäftsmodell, Konsumgüter nach Hause zu bestellen, sie dort auszuprobieren und bei Nicht-Gefallen wieder zurückzuschicken, so alt wie Quelle und der Otto-Versand ist. Wo es schon im Jahre 2008 zig Möglichkeiten der Schuhbestellung im Internet gab. Kein Mensch, der in der Überzeugung lebt, dass nur die Besten, nur die besten Ideen, nur geniale Geschäftskonzepte von Erfolg gekrönt werden, kein solcher Mensch hätte 2008 einen Pfifferling auf Zalando gewettet.

Das Wachstum von Zalando kennt im Moment nur eine Grenze: den Menschen. Auf der Stellenseite des Unternehmens werden 395 Mitarbeiter gesucht: Designer, Computerexperten, Personaler, Logistiker, Verkäufer. Zalando benötigt alle Qualifikationen, die es in einem Unternehmen braucht. Wie ein Schwamm saugt das Startup den Arbeitsmarkt im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg leer, wo das Unternehmen 2010 in ein altes Umspannwerk gezogen ist.

2010 lag der Umsatz des Internet-Versandhändlers bei über 160 Millionen Euro, im ersten Halbjahr 2011 waren es bereits über 200 Millionen Euro. Das Unternehmen hat laut Presseabteilung aktuell „deutlich über 1000 Mitarbeiter“. Allein am Logistik-Standort Erfurt sollen dieses Jahr über 1000 Mitarbeiter eingestellt werden. Das Sortiment wurde mittlerweile um Kleidung und Wohnungszubehör ergänzt. Im April diesen Jahres hat der Zalando-Onlineshop für Schweden eröffnet, vergangenen Monat folgten Belgien und Spanien.

Die Erfolgsgeschichte von Zalando zeigt, wie wenig es für eine Erfolgsgeschichte braucht, wie wenig Besonderes, dass es reichen kann, wenn Bestehendes leicht verändert wird. Der Kunde schätzt jeden Fortschritt. Ein gutes Sortiment, einfache Bestellmöglichkeit, schnelle Lieferung – Zalando hat in kurzer Zeit geschafft, wozu andere Unternehmen Jahre brauchen: zufriedenstellenden Service.

Die Lernkurve bei Zalando war so steil, weil die Unternehmensgründer alte Hasen der Internetbranche sind. Drei der Gründer sind die Samwer-Brüder Marc, Oliver und Alexander. Deren Erfolgsgeschichte ist lang. Sie haben das Internet-Auktionshaus alando.de nach dem Vorbild des US-amerikanischen Unternehmens eBay gegründet und es nur sechs Monate nach Gründung für 43 Millionen Dollar an eBay verkauft. Darauf zogen sie den Klingelton-Anbieter Jamba! zum größten Unternehmen seiner Branche in Europa auf. Wo die Samwer-Brüder sind, wollen viele dabei sein.

An Kapital mangelt es daher nicht. Ein wichtiges Kriterium für den kapitalintensiven Versandhandel. Allein die Samwer-Brüder haben ein geschätztes Vermögen von 350 Millionen Euro. Außerdem ist an Zalando mit 10 Prozent der milliardenschwere Einzelhändler Tengelmann beteilig und verschiedene Investoren wie Holtzbrinck Ventures. Viele wollen an dem Erfolg partizipieren, viele teilen sich das Risiko einer Pleite.

Ausreichende Kapitalversorgung und Erfahrung, das macht Zalando erfolgreich, von Geheimnis keine Spur. Zugegeben, das sind keine Qualitäten, die Studenten beim Start ins Berufsleben mitbringen. Der Schriftsteller Gaiman hatte für die Studenten bei der Abschlussrede dann auch noch einen weiteren Ratschlag. Einen, der weit weg ist vom Geschäftsmodell von Zalando, von Umsatzwachstum, Investment und Rendite. Kurz nach seiner ersten Veröffentlichung war sein Verlag pleite gegangen. Damals habe er beschlossen, zukünftig nicht mehr nur wegen des Geldes zu schreiben, sondern das zu machen, was im wichtig sei. „Wenn ich für Geld schreibe und ich bekomme keines, dann habe ich nichts“, so Gaiman, „wenn ich das schaffe, was mich stolz macht, dann habe ich wenigstens diese Arbeit.“

“If you didn’t get the money you didn’t have anything, and if I do a work I am proud of at least I have the work.”

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3 Gedanken zu “Zalando – das langweiligste und lehrreichste Startup Deutschlands

  1. Robert Neal schreibt:

    Zalando ist kein Startup. Hinter Zalando stehen Investoren. Zalando ist ein sogenanntes Copycat. Die Idee würde von den Samwer Brüder kopiert 1:1 Von Zappos.com
    Ei bisschen peinlich Zalando Al’s Startup zu verkaufen.

  2. Die Werbestrategien von Zalando waren mir ja immer ein Dorn im Auge, weil ich mit dem Gekreische nichts anfangen konnte ;-) aber inzwischen sind sie ja doch wegen ihrer Dumpinglöhne eher in den Negativ Schlagzeilen.

  3. Mr. ABC schreibt:

    Durchaus gewagt die Samwer Brüder als Beispiel dafür zu verwenden, dass Mittelmaß auch zum Erfolg führen kann. Es gibt wahrscheinlich weltweit keinen Inkubator, der so stark in der Execution ist.

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