Ökonomie der Revolution: Wie Facebook und Twitter den politischen Umbruch vorantreiben

Sie leben in Armut, wie es sie sonst kaum noch gibt. Die Repressalien durchdringen alle Lebensbereiche, der Konformitätsdruck ist umfassend. Nirgendwo auf der Welt herrscht ein Diktator totalitärer, ist die Freiheit geringer als in Nordkorea. Doch die Revolutionen finden dieser Tage woanders statt. Warum? Was lässt Diktaturen stürzen, während woanders Protestaktionen im Keim ersticken?

Zunächst: Wir lieben die Vorstellung, dass unterdrückte Völker erfolgreich gegen ihre Unterdrücker aufbegehren. Dass Widerstand über kurz oder lang Diktatoren verjagt. Doch die Empirie stützt unseren Traum von Gerechtigkeit nicht: „Die vielleicht traurige Wahrheit ist, dass sich autoritäre Regime vor der Masse der Bevölkerung nur selten fürchten müssen,“ meint Thomas Apolte, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Münster. Mehr noch: „Zwischen Armut und Unterdrückung der Bevölkerung und der Wahrscheinlichkeit einer Revolution besteht nach allem, was wir wissen, kein Zusammenhang.“

Was aber löst eine Revolution dann aus?

Ohne Zweifel wichtig ist die Ausgangslage: Armut und Unterdrückung sind die Zutaten, welche den Wunsch nach Veränderung hervorbringen. Wohlstand in Freiheit, davon träumt der Mensch. Aber wie dahin kommen?

Die ökonomische Theorie erklärt menschliches Handeln mit Kosten und Nutzen. Der Mensch wägt ab. Jede menschliche Regung ist das Ergebnis der – wenn auch nur unbewussten – Abwägung von Vor- und Nachteilen und der Vergleich mit alternativen Handlungen.

In einem repressiven System entsteht daraus ein Problem. Seine Meinung öffentlich zu äußern, zum Beispiel in Form von Demonstrationen, ist mit hohen Kosten verbunden, ja möglicherweise mit den „höchsten Kosten“, die denkbar sind, nämlich dem Tod.

Gleichzeitig kann jeder Mensch für sich genommen nur wenig verändern. Ob man sich an einer Revolution beteiligt oder nicht, hat für den Ausgang der Revolution aller Wahrscheinlichkeit nach keine Bedeutung. Aus der Sicht jedes Einzelnen stehen Kosten und Nutzen also in einem denkbar ungünstigen Verhältnis.

Handeln nun alle nach dieser Kosten-Nutzen-Rechnung, bleibt eine Revolution aus. Dass sie dieser Tage aber in zahlreichen Ländern dennoch stattfindet, daran hat das Internet im Allgemeinen und soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter im Speziellen einen vermutlich beträchtlichen Anteil.

Denn diese Informationstechnik reduziert die Wahrscheinlichkeit negativer Konsequenzen bei der Teilnahme an Demonstrationen. Warum? Das Internet ermöglicht die Koordination der Revolution und damit die Organisation großer Demonstrationen. Je größer nämlich eine Demonstration ist, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, als Teilnehmer negative Konsequenzen fürchten zu müssen.

Und zwar aus zwei Gründen. Zum einen, weil je größer die Bewegung ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Machtapparat des Diktators die Fronten wechselt und zu den potenziell zukünftigen Machthabern überläuft. Zum Zweiten, weil die Wahrscheinlichkeit für jeden Einzelnen sinkt, in einer großen Masse von einer Gewalttat getroffen zu werden.

Demonstrieren in einer Diktatur zehn Personen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass alle zehn verhaftet werden, eine Million Menschen aber kann auch eine Diktatur nicht so einfach wegsperren.

Nichts müssen Diktatoren deshalb mehr fürchten als Massenproteste. Sie senken die Bestrafungswahrscheinlichkeit für jeden Einzelnen und damit die „Kosten“ der Teilnahme an einer Revolution. Deswegen gibt es Versammlungsverbote. Deswegen wird versucht, jede Organisation von Widerstand im Keim zu unterdrücken.

Twitter und Facebook sind also die natürlichen Feinde von Diktatoren. Auch wegen eines zweiten Punktes: Mit sozialen Netzwerken lassen sich nicht nur Widerstand organisieren, sie sind auch meinungsbildend. Menschen in unterdrückten Staaten müssen häufig zwischen zwei Verhaltensweisen abwägen. Sie können ihre wirkliche Meinung für sich behalten und müssen dann mit den psychologischen Kosten der Unehrlichkeit leben oder sie sagen, was sie denken, mit der Gefahr, dafür bestraft zu werden.

Die Meinungsäußerung über Twitter und Facebook aber ist nun deutlich weniger gefährlich. Gleichzeitig aber ist sie öffentlich und verbreitet sich schnell. Neben der Repression ist die Meinungshoheit das entscheidende Machtmittel von Diktatoren. Wo diese verloren geht, da gerät ihr Machtsystem ins wanken.

Ein dritter Punkt kommt hinzu: Menschen folgen nicht nur den eigenen Meinungen, sondern auch denen der Mehrheit. So kann beispielsweise selbst ein Befürworter einer Diktatur seine öffentliche Meinung ändern, sobald der Eindruck entsteht, dass der Diktator keine Zukunft hat. Die öffentliche Meinung setzt sich also nicht alleine aus der Summe der einzelnen Meinungen einer Gesellschaft zusammen, sondern auch aus der kollektiven Erwartung, was diese Meinung ist.

Am Ende bleiben Diktatoren heute nur zwei Möglichkeiten des Machterhalts. Die eine Variante besteht im weitreichenden Verbot jeglicher unkontrollierten Kommunikation, wie wir sie in der deutlichsten Ausprägung in Nordkorea erleben. Der zweite Typ ist aktuell mit Schrecken in Libyen zu beobachten. Wenn nämlich ein Diktator der Gesellschaft glaubhaft macht, dass er jeder versuchten Revolution – und sei sie auch noch so stark – mit größter Härte begegnen wird – und dies dann auch tut.

Der Ökonom Ronald Wintrobe bezeichnet einen Diktator wie Muammar al-Gaddafi als totalitären Diktator. Die seien die schlimmsten. Weil sie ihre Macht maximieren und den Bürgern ihren Lebensstil aufpressen.

Viel häufiger sei jedoch ein anderer Dikatoren-Typ, Wintrobe nennt sie „Tinpots“. Ihnen geht es vor allem um die Befüllung ausländischer Bankkonten während ihrer Amtszeit. Der ehemalige ägyptische Staatschef Husni Mubarak gehört in diese Kategorie. 40 Milliarden US-Dollar soll er auf ausländischen Konten gehortet haben.

Tinpots, so Wintrobes Theorie, sind relativ leicht zu verjagen. Vorausgesetzt man lässt ihnen ihr Vermögen. Zumindest die Lebensbedingungen unter solchen Diktaturen ließen sich durch äußeren Druck verbessern. Was die Frage aufwirft, warum westliche Regierungen dies nicht stärker versucht haben.

„Eine wichtige Einsicht aus der ökonomischen Diktaturtheorie von Wintrobe besteht darin, dass Repression und Loyalität bei der Sicherung des Machterhaltes von Tinpot-Regierungen Substitute sind“, meint Apolte. Mit anderen Worten: Sowohl Repression als auch Loyalität sichern Dikatoren-Macht.

Der politische Spielraum um Loyalität durch eine Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen zu generieren – und damit auf Repression verzichten zu können – wäre, so Apolte, für die Regierung Mubarak zweifellos vorhanden gewesen. Und weiter: Durch „ die Abhängigkeit dieser Regierungen von ihren westlichen Unterstützern hätte es möglich sein müssen, darauf zu drängen, dass die Generierung von Loyalität in der Bevölkerung verstärkt, der Einsatz von Repression aber reduziert wird.“

Mubarak sein ein “Mann mit enormer Erfahrung, großer Weisheit“ und er habe „die Zukunft fest im Blick”, hat Guido Westerwelle einmal gesagt. Westerwelle ist nicht der einzige, der sich dieser Tage fragen lassen muss, ob solche Sätze im Interesse eines Landes waren, das Wohlstand und Freiheit zu seinen Errungenschaften zählt.

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