Die Show ist vorbei: Welche Lehren die Wirtschaft aus Wikileaks ziehen sollte

An Ideen mangelt es den Unterstützern von Wikileaks nicht. Am heutigen Samstag steigt die Operation Blackface. Wer sich mit der Enthüllungsplattform und ihrem Gründer Julian Assange solidarisch zeigen will, soll sein Profilbild auf sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook schwarz einfärben.

Es ist einer der harmloseren Proteste. Die Schweizer Bank Postfinance wurde mit einem Server-Überlastungsangriff attackiert, nachdem sie das Konto des verhafteten Assange eingefroren hatte, ebenso die Finanzdienstleister PayPal, VISA und MasterCard, die die Spendenweiterleitung an die Enthüllungsseite eingestellt hatten.

Wenn Protestbewegungen früher gegen Firmen loszogen, blockierten sie Firmentore. Heute wird ein Hackerangriff digital koordiniert und unzählige Anfragen an die Internet-Adresse der Angriffsziele geschickt, wodurch die Webseite überlastet und damit lahmgelegt wird. Das schadet den Unternehmen mindestens genauso. Allein schon deshalb, weil offensichtlich wird, wie verletzlich sie sind.

Doch es hat sich nicht nur die Form des Protestes geändert.

Die Technik des Internets ermöglicht, wovon Menschen jahrhundertelang geträumt und wofür sie ebenso lange gearbeitet haben. Nämlich Informationen unabhängig von Raum und Zeit zur Verfügung zu stellen.

Dass wir heute keine reitenden Boten mehr losschicken müssen, um eine Nachricht zu übermitteln, sondern fast jede Information zu jeder Zeit an jedem Ort abrufen können, hat ein Selbstverständnis von Informationsfreiheit geschaffen, das Geheimniskrämerei zunehmend verachtet.

Daraus entsteht ein Problem für die Mächtigen. Deren wichtigstes Machtinstrument war schon immer die Informations- und damit verbunden die Deutungshoheit. Deswegen gab es das staatliche Postmonopol, und deswegen konnte sich das Internet nur dort entwickeln, wo die Mehrheit das Sagen hat.

Die Unterstützung für Wikileaks ist Ausdruck dieses Freiheitswillens. Und wie immer bei solchen Eruptionen findet die Diskussion vorwiegend in den Farben schwarz und weiß statt. Die einen fordern die totale Freigabe jeglicher Geheimnisse, die anderen sähen die Veröffentlicher am liebsten auf dem elektrischen Stuhl.

Unabdingbar ist: Wie jeder einzelne Mensch, müssen auch Staaten und  Unternehmen das Recht auf Nicht-Weitergabe von Informationen behalten. Sonst verlieren Zeugenschutzprogramme ihren Wert und kostspielige Forschung seinen Reiz.

Was aber immer weniger akzeptiert wird, ist die Falschinformation, ist die Verschleierung zum eigenen Vorteil. Karl-Theodor zu Guttenberg musste das jüngst erfahren. Der Verteidigungsminister reiste diese Woche nebst Gattin und „Journalist“ Kerner nach Afghanistan, in der Hoffnung, eine nette PR-Geschichte nach Hause schicken zu können. Doch daraus wurde nichts. Die Selbstinszenierung wurde als das enttarnt, was sie ist. Nur die Bild-Zeitung fand den Auftritt ganz wunderbar, was schlicht daran liegt, dass sich die Bild-Zeitung noch nie für die wirkliche Motivation menschlichen Handelns interessiert hat.

Früher mag Bild, Bams und Glotze beim Kampf um die Meinungsführerschaft entscheidend gewesen sein. Das stimmt zunehmend weniger. Auch wegen des Internets.

Was das für die Wirtschaft bedeutet? Sie muss dazu lernen. Die Verluste, die Unternehmen durch Hacker-Angriffe auf ihre Webseiten erleiden, sind Peanuts im Vergleich zu dem, was auf dem Spiel steht: das Vertrauen der Kunden.

Das Internet lässt Fassaden bröckeln, zieht der Show um der Show willen den Stecker. Produkte, die mehr Schein als Sein sind; Produktionsmethoden, die der Umwelt mehr schaden als nötig wäre; Arbeitgeber, die ihre Angestellten ausnutzen – die Gefahr, dass die Wahrheit ans Licht kommt, ist heute größer denn je.

Was deshalb für Unternehmen immer wichtiger wird, ist offene und ehrliche Kommunikation, das Eingeständnis von Schwächen, das tatsächliche Bemühen um Besserung. Das Internet zwingt Staaten wie Unternehmen zu Aufrichtigkeit und Wahrheit. Es ist ein guter Zwang.

Ein Gedanke zu “Die Show ist vorbei: Welche Lehren die Wirtschaft aus Wikileaks ziehen sollte

  1. Es geht weiter, wieder verliert wikileaks eine Bankverbindung. Visa, Mastercard, Paypal und jetzt die Bank of America: Die Großbank reiht sich bei den Unternehmen ein, die Zahlungen an WikiLeaks sperren. Vielleicht liegt es daran, dass wikileaks als nächstes Ziel eine amerikanische Grossbank anvisierte. Auf der anderen Seite wird man an diesem Beispiel sehen, ob es auch auf Seiten der Banken monopolistische Strukturen gibt. Das wäre wirklich nicht gut.

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