Die Zahl der Wirtschaftsblogs nimmt stetig zu – Jetzt müssten sie nur noch gelesen werden

Was ist der Unterschied zwischen einem Ökonomen und einem Terroristen? Terroristen haben Sympathisanten!

Sie finden diesen Witz nicht lustig? Dann vielleicht den hier:

Wie viele Ökonomen braucht es, um eine Glühbirne zu wechseln? Antwort A: Keinen. Wenn die Glühbirne hätte ausgewechselt werden müssen, hätte es der Markt längst getan. Antwort B: Das ist irrelevant. Die Präferenzen der Glühbirne sind gegeben. Antwort C: Zwei. Einen der annimmt, es gäbe eine Leiter, einen der die Birne auswechselt. Antwort D: Sieben, plusminus zehn. Antwort E: Acht. Einen um sie zu wechseln und sieben um alles andere konstant zu halten. Antwort F: Das hängt vom Lohnsatz ab.

Die beiden Witze spiegeln das öffentliche Bild von Ökonomen wider: Ökonomen gelten als wenig sympathisch und fehlbar. Weil, was sie sagen, häufig nicht verständlich ist. Weil sie unangenehme Wahrheiten aussprechen. Weil Ökonomen sich häufig gegenseitig widersprechen. Weil sie zwar gerne über die Zukunft reden, diese aber dermaßen komplex ist, dass sie selten vorhersehbar ist.

Und dennoch haben Ökonomen zur Zeit Hochkonjunktur. Gerade wegen der Krise. Seit im Frühsommer 2007 die US-amerikanischen Immobilienpreise in den Keller rauschten, haben sich viele Menschen mit ökonomischen Fragestellungen beschäftigt. Manche weil sie es mussten, etwa weil sie arbeitslos wurden und nun mit geringerem Einkommen ihr Leben neu zu organisieren hatten. Andere, weil sie einfach verstehen wollten, wie es zu dieser Krise kommen konnte. Was sind die Ursachen? Wer sind die Schuldigen? Was muss getan werden, dass es zu keiner Wiederholung der Krise kommt?

Ökonomen suchen und geben Antworten. Und zunehmend tun sie dies in der Form von Blogs.  Das Blog Blick Log registriert alle deutschsprachigen Wirtschaftsblogs. Im Februar war dort das 100. Blog hinzugekommen. Mittlerweile sind es 143. Das Problem aber ist: Kaum einer liest die Inhalte. In den Top 100 der meistverlinkten deutschsprachigen Blogs taucht mit dem Netzökonom auf Platz 34 gerade mal ein Wirtschaftsblog auf. Bezeichnenderweise gehört das Blog zur altehrwürdigen FAZ. Das Neue scheint es schwer zu haben.

„Die deutschsprachigen Wirtschaftsblogs haben weniger ein Qualitätsproblem als ein Wahrnehmungsproblem“, meint Blick-Log-Betreiber Dirk Elsner. Und an diesem Wahrnehmungsproblem seien die Schreiber teilweise selbst Schuld. Die Wirtschaftsblogger, so Elsner, würden sich gegenseitig kaum wahrnehmen und deshalb viel seltener als andere Blogger „mit- und gegeneinander diskutieren“. Und so blieb auch der Verweis auf die Kollegen meist aus: „Viele verlinken eher auf die etablierte Wirtschaftspresse, auf US-Blogs oder am liebsten gar nicht, als auf themenähnliche Blogs im deutschsprachigen Raum.“

Aber auch die etablierte Wirtschaftspresse würde auf das Verweisen der Blogs verzichten. „Man zitiert gerne ‘renommierte Quellen‘, ‚anerkannte Fachleute‘, ‚ausgewiesene Experten‘ oder ‚prominente Kenner‘.“ Sich auf einen Wirtschaftsblog zu berufen, sei in Deutschland aber nicht angesagt, so Wirtschaftsblogger Elsner. „Von der in den USA zu beobachtenden sich gegenseitig befruchtenden Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsblogs und Medien ist hier leider weit und breit nichts zu sehen.“

Dabei könnten Blogs publizistische Lücken schließen. Die etablierten Wirtschaftsmedien verhalten sich nämlich gerne wie Spekulanten an der Börse. Sie folgen der Herde. Berichtet wird über das, worüber alle berichten. Die großen Nachrichtenseiten wie Handelsblatt, Financial Times Deutschland, Spiegel Online, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung richten sich mit ihren Wirtschaftsnachrichten an ein breites Publikum. Analysen über die Wirtschaftskrise sind dort zu lesen, die Entwicklung der Arbeitslosigkeit zu verfolgen und die Kreditklemme in Griechenland wird von allen ausführlich dokumentiert. Wenn aber viele über das Gleiche schreiben, bleiben andere Themen auf der Strecke. Hinzu kommt: Kein noch so großes Nachrichtenportal kann alle Bereiche vollständig abdecken. Deswegen werden Texte häufig nach dem KISS-Prinzip verfasst: Keep it short and simple.

Hier könnten Wirtschaftsblogs ihre Vorteile ausspielen, die in der Spezialisierung und im Tiefgang liegen. Das Konsumentenblog, das die Marketingtricks der Warenhersteller aufdeckt; das Aktionärsblog, das unbeeinflusst und kritisch, das Auf und Ab an den Börsen begleitet; das  Ökonomie-Blog, das den wirtschaftswissenschaftlichen Fortschritt in verständliche, aber nicht verfälschende Worte fasst. – Keine Frage, solche Blogs werden gelesen.

Was es dafür braucht? Kompetenz, Geld und Zeit. Und an allem fehlt es. Mit Blogs ist kaum Geld zu verdienen. In Texten mit Tiefgang steckt häufig ein ganzer Tag Arbeit. Wer wirtschaftliche Zusammenhänge anständig vermitteln kann, wechselt deshalb vorzugsweise dorthin, wo diese Kompetenz gut bezahlt wird, in die PR-Abteilungen großer Unternehmen.

Und dennoch: Thomas Knüwer, einer der bekanntesten deutschen Blogger, hat bereits vor einiger Zeit eine Veränderung in der Bloggerlandschaft festgestellt: „Mein Eindruck ist, dass sich die Autoren mehr fokussieren und weniger schreiben – dafür aber durchdachter.“ Außerdem habe durch die  Krise an den Finanzmärkten der Anteil von Wirtschafts- und Politikthemen zugenommen. Allerdings, so Knüwer, seien diese Bereiche in Deutschland immer noch unterrepräsentiert. Alles in allem aber, könne er auf die Frage, wie es der deutschen Blog-Sphäre gehe nur antworten: „Joah, ganz gut, ne. Und selbst?“

——

Meine deutschsprachigen Lieblingswirtschaftsblogs:

  • Wirtschaftliche Freiheit – Hier geht es um ordnungspolitische Fragen wie Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit oder die Probleme der Euro-Währung. Das Blog ist ein gemeinsames Projekt mehrerer VWL-Professoren. Initiator ist Professor Norbert Berthold von der Universität Würzburg
  • Ökonomenstimme – Dieses Blog gibt es erst seit wenigen Tagen und ist quasi die Konkurrenz zu „Wirtschaftliche Freiheit“. Denn auch hier bloggen zahlreiche VWL-Professoren. Auf der Webseite heißt es: „Ziel von Ökonomenstimme ist es, volkswirtschaftlichen Fragen und Diskussionen im deutschsprachigen Raum eine Bühne zu bieten – von Ökonomen für Ökonomen und alle, die sich für volkswirtschaftliche Themen interessieren.“
  • Freilich – Eine Gruppe Schweizer Autoren hat sich zusammengeschlossen um dieses Blog zu füllen. Ihre gemeinsame Leidenschaft: Der Liberalismus.
  • Blick Log – Blick Log durchkämmt jeden Tag große Wirtschaftsseiten und kleine Blogs und stellt die interessantesten Inhalte per Linkliste zur Verfügung. – Für alle die wenig Zeit haben, gute Texte aber nicht verpassen wollen.
  • Die Liste aller deutschsprachigen Wirtschaftsblogs gibt es hier.

13 Gedanken zu “Die Zahl der Wirtschaftsblogs nimmt stetig zu – Jetzt müssten sie nur noch gelesen werden

  1. Es gibt bestimmte Themen, die bekommt man in der Presse nur in Form einer Narration. Wirtschaftliche Fragen sind aber eher kompliziert.

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  2. Das stimmt schon, mit der steigenden Zahl von Wirtschaftsblogs. Generell aber scheint mir Deutschland ein Problem mit dem Interesse an Wirtschaft zu haben.

    Es gibt immer mal wieder Phasen, in denen das Interesse der Öffentlichkeit steigt. Da war die New Economy mit ihre Aktientipps oder eben nun der Credit Crunch. Außerhalb dieser Anomalien aber spielt Wirtschaft keine große Rolle in den Massemedien.

    Das trifft auch auf Schulen zu: Mir scheint bei den meisten Lehrern eine wirtschafts- und kapitalismusfeindliche Haltung vorzuherrschen. Bei den meisten Schulen steht Wirtschaft auch nicht als Pflichtfach auf dem Lehrplan. Ich halte das für einen Fehler.

    Diese Gesamtsituation werden Blogs nicht korrigieren können. Sie leiden nur darunter – in Form niedrigerer Leserzahlen.

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  3. @Thomas Knüwer: Ja, ich bin auch der Meinung, dass es an ökonomischen Verständnis mangelt. Auf der anderen Seite: Vielleicht sind jene, die über Ökonomie schreiben, nicht ganz unschuldig. Jahrzehntelang war zum Beispiel der Wirtschaftsteil von Zeitung gefüllt mit langweiligen Unternehmens-, Konjunktur- und Börsenberichten. Dazu in einer Sprache geschrieben, die anzeigte: Hier schreiben Experten für Experten.

    Die Ökonomie zu den Menschen bringen, wäre mein Anliegen. Warum bekommt mein Kind keinen Kitaplatz? Was hat meine hohe Stromrechnung mit der Monopolbildung auf den Energiemärkten zu tun? Mit welchen Marketingtricks wurde der neue Supermarkt um die Ecke eingerichtet? Je mehr die Menschen verstehen, wie sehr ökonomische Strukturen ihr eigenes Leben durchdringen, desto interessanter wird diese Wissenschaft für sie. Das war zumindest meine eigene Erfahrung.

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  4. Es interessiert sich nun mal kaum jemand für die Wirtschaft. Das ist nicht nur ein deutsches Problem. Amerikanische Blogs haben nun mal den Vorteil, dass sie in Englisch und ein vieeeeeeeeel größere Zielgruppe ansprechen.

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  5. Tja, warum wird das hier gelesen: Spiegel: “Grüne” Bank mit dubiosen Gründern http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,687774,00.html und das

    http://www.anderebank.de/blog/artikel/verteidigt-guenter-heismann-das-establishment-vor-der-noa-bank-versucht-er-/

    oder das

    http://egghat.blogspot.com/2010/04/noa-bank-der-skandal-ist-die-presse_09.html

    nicht.

    In der Öffentlichkeit ist die noa Bank angekratzt, egal wie schlecht recherchiert und haltlos die Anschuldigungen sein mögen …

    Die Version des Spiegel-Artikels in der FTD ist übrigens noch schlechter …

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  6. Wenn über die angebliche Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten von Wirtschaftsblogs einerseits und der Wirtschaftspresse andererseits geschrieben wird, wo bleiben dann die Blogs z.B. auf der Handelsblatt-Webseite?

    Tatsächlich aber sollte man mal über folgendes Zitat genauer nachdenken:

    “Weil sie unangenehme Wahrheiten aussprechen. Weil Ökonomen sich häufig gegenseitig widersprechen. Weil sie zwar gerne über die Zukunft reden, diese aber dermaßen komplex ist, dass sie selten vorhersehbar ist.”

    Wenn sie sich gegenseitig widersprechen können sie nicht beide die Wahrheit aussprechen – zumindest nicht in den Aussagen, bei denen ein Konflikt besteht. Und wenn die Zukunft tatsächlich selten vorhersehbar ist, dann können sie sogar beide Unrecht haben und die unbequeme Wahrheit nur eingebildet. Mehr noch: Wenn die Zukunft mit den Mitteln der Ökonomen tatsächlich so schlecht vorhersehbar ist, welchen Nutzen hat die Ökonomie und welche Berechtigung, sich “Wissenschaft” zu nennen? Sinn und Zweck von Wissenschaft ist es ja nicht zuletzt, Vorhersagen zu treffen. Nur vergangene Entwicklungen zu erklären reicht nicht aus – denn ob die Erklärung wirklich zutrifft und sich die Dinge so verhalten wie man denkt kann man so nicht klären. Selbst der per definitionem rückwärts gewandte Historiker muss mit seinen Thesen auch zukünftige Entdeckungen erklären können, sonst müssen die Thesen eben revidiert werden. Billigt man diesen Aussagen also zumindest einen wahren Kern zu, dann ist die heutige Ökonomie zu tatsächlicher Wirtschaftswissenschaft nicht viel anders als Alchimie zur heutigen Chemie.

    Die eigentliche Frage ist dann nur noch: Hat die Ökonomie hier nur ein Kommunikationsproblem, oder bestehen tatsächlich gravierende wissenschaftstheoretische Probleme wegen derer sich die Ökonomie fragen lassen muss, welchen Wert Vorhersagen haben, bei deren Nichtzutreffen man sich auf die Komplexität der Materie herausredet? In letzterem Fall bringen auch mehr Wirtschaftsblogs nicht viel.

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